Adaptive Kommunikation: Technologien für das „Internet der Dinge“

Prof. Armin Dekorsy

Prof. Armin Dekorsy

Prof. Armin Dekorsy vertritt am Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik (TZI) den Themenbereich „Adaptive Kommunikation“. Insbesondere Mobilfunktechnologien müssen zunehmend „adaptiv“ – also anpassungsfähig – gestaltet werden, um der rapide wachsenden Zahl an unterschiedlichen Formen der Datenübertragung gerecht zu werden. Aktuell geht es unter anderem darum, die fünfte Mobilfunkgeneration zu entwickeln – und damit auch das „Internet der Dinge“ und die Industrie 4.0 entscheidend voranzutreiben. Im Interview erklärt Prof. Dekorsy, welche Rolle das TZI dabei spielt.

Herr Prof. Dekorsy, warum wird von Kommunikationssystemen plötzlich Anpassungsfähigkeit erwartet?

Nehmen Sie einfach mal das Beispiel Mobilfunksysteme. Wenn Sie sich überlegen, dass diese vor 20 Jahren hauptsächlich für die Übertragung von Sprache entworfen wurden und sich anschauen, was Sie heute mit Ihrem Smartphone alles machen können, dann ist das schon ein erheblicher Unterschied. Jede dieser Applikationen erfordert unterschiedliche Qualitätsanforderungen an die Übertragung. Eine Banküberweisung stellt eine ganz andere technische Anforderung als beispielsweise Spiele, die Sie über ein Smartphone spielen. Mit dem Aufkommen des Internet-der-Dinge bzw. der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation erweitert sich das Anwendungsfeld nochmals dramatisch.

Hat diese Forschung einen echten Nutzen für die Gesellschaft?

Das Schlagwort lautet „digitale Gesellschaft“. Der Mensch will immer mehr Informationen von seiner Umwelt erfassen; wir wollen immer mehr kommunizieren, Dinge werden zunehmend miteinander vernetzt. Um all diese Wünsche umsetzen zu können, brauchen Sie die Technologien, die wir hier entwickeln. Nehmen Sie zum Beispiel wieder die Mobilfunktechnologien: Das Smartphone ist nicht mehr nur ein Telefon, sondern es ist der „personal guide“ geworden. Diese Technologie hat die Gesellschaft wirklich verwandelt. Das zeigt, welche Einflüsse die Technologien haben, die wir am TZI vor Jahren erforscht haben und die Sie heute kaufen und anwenden können.

Das TZI hat also zum aktuellen Mobilfunkstandard beigetragen durch seine Forschung?

Ja. Man muss sich aber einer Sache bewusst sein. Wenn wir von Mobilfunk reden, reden wir von einer globalen Technologie, bei der weltweit zigtausend Ingenieure zum Einsatz kommen. Das TZI trägt da in seiner bescheidenen Rolle zu bei. Unsere Aufgabe: Die Kenntnisse, die wir in der Grundlagenforschung erarbeiten, relativ zügig durch gute Prozesse in die Industrie zu transferieren, um dann über die Industrie diese Technologien der Gesellschaft zukommen zu lassen. Entsprechend stehen wir natürlich unter einem gewissen Zeitdruck. Aktuell wird die fünfte Mobilfunkgeneration erforscht; sie soll 2020 auf den Markt kommen. Momentan befinden wir uns genau in diesem Prozess, dass wir unsere Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung über Projekte in die Industrie transferieren.

Welche Vorteile wird die nächste Mobilfunkgeneration für die Nutzer haben?

Die fünfte Mobilfunkgeneration wird ganz neue Aspekte adressieren. Ein großer Punkt – und da ist das TZI auch sehr stark beteiligt – ist der Bereich der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation. Bisher waren Sie als Mensch derjenige, der das Smartphone bedient hat. Jetzt geht es darum, den Mobilfunk für eine massive Kommunikation von Sensoren mit der Infrastruktur fit zu machen, sodass auch das Thema Industrie 4.0 adressiert wird. Die fünfte Mobilfunkgeneration wird also in die Fabrikhallen gehen. Sie wird auch die Medizintechnik und die Automobilindustrie aufnehmen als Anwendungsfelder.

Können Sie auch schon einen Ausblick auf die nächsten 20 Jahre werfen? Was kommt nach der fünften Generation?

Das ist für mich die digitale Revolution: Der Mensch wird stärker integriert werden in diese Technologien. Momentan bedienen Sie das Ganze noch optisch oder mit der Tastatur, aber als nächstes kommt die haptische Einbindung – das Schlagwort dazu heißt taktiles Internet. Der Mensch soll über die Technik „fühlen“. Dazu sind neue Technologien nötig, die deutlich schneller sind als bisher.

Was wäre ein denkbares Einsatzszenario für das haptische Internet?

Ein Szenario wären Naturkatastrophen. Wir schicken Roboter da hinein, aber diese Roboter werden eigentlich von Menschen geführt. So wie der Roboter zum Beispiel eine Stange umfasst, so soll es auch der Mensch direkt spüren.

Welche Forschungsschwerpunkte werden in den nächsten zehn Jahren noch wichtig?

Die Industrie 4.0 ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir haben neue Kommunikationsstrukturen in die Gesellschaft gebracht – das Smartphone ist das beste Beispiel. Jetzt geht es darum, diese Kommunikationsstrukturen in die Industrie zu tragen. Die Industrie 4.0 wird einen großen Einfluss haben auf die Arbeit der Zukunft, auf die Produktionssysteme. Wenn Maschinen im „Internet der Dinge“ miteinander vernetzt werden, kommt größere Flexibilität in die Produktion. Der Industriealltag wird sich genauso verändern, wie sich der Alltag in der Gesellschaft durch den Einzug der Mobilfunktechnologie bereits verändert hat.

Ein zweiter Punkt ist das Schlagwort „massive Kommunikation“: Es wird mehr Sensoren geben um uns herum; wir werden teilweise vielleicht Kleidung mit integrierter Sensorik tragen. Im Bereich des Sports und der Gesundheit ist das große Interesse schon erkennbar: Man misst den Blutdruck oder die Zahl der Schritte. Das ist nur möglich durch Kommunikationstechnologie, die diese Daten bündelt und überträgt, damit sie ausgewertet werden können.

Ihr Leitthema spielt sich sehr stark auf globaler Ebene ab – kommt Ihnen die starke Internationalisierung der Lehre dabei entgegen?

Ich bin sehr froh darüber, dass wir die internationalen Studiengänge hier haben. Wir haben sehr viele Kooperationen mit internationalen Firmen und da ist es natürlich von Vorteil, wenn ich auch Studenten habe, die aus China oder Indien stammen. Auch für die Promovierenden ist es positiv, wenn sie gemeinsam mit Menschen, die aus ganz anderen Gesellschaftsstrukturen kommen und eine andere Mentalität mitbringen, an Lösungen arbeiten. Das sind Soft Skills, die man hier im Alltag lernt.

Was würden Sie an der Arbeit im TZI noch besonders hervorheben?

Was ich sehr positiv finde: Wir haben in einem Strategieprozess eine gemeinsame Vision aufgesetzt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wir wollen nicht die Technologie entwickeln, die den Menschen irgendwann ersetzt, sondern wir wollen Technologien für den Menschen und für die Gesellschaft entwickeln.

Entsprechend liegt mir auch als Professor daran, dass die Dinge, die wir hier erarbeiten, nicht nur auf dem Papier enden und wir schöne Preise damit gewinnen. Für mich ist es das Größte, wenn Firmen diese Technologien in ihren Produkten aufgreifen, denn diese Produkte kommen dann dem Menschen zugute, verbessern den Lebensstandard und sichern die Existenz der Gesellschaft. Nur dann macht mir diese ganze Technologieentwicklung auch Spaß.

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